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Lesung A. Kalbitz
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Samstagabend, Feierabend. Beine hochlegen, abschlaffen,
das miese Fernsehprogramm über sich ergehen lassen, schla-
fen. Ein Leben lang berieselt von den Impressionen irgend-
welcher Fernsehredakteure, Krankenhausserien - ein Muss,
zumindest, seit Dr. Brinkmann in der Schwarzwaldklinik zu
Weltruhm vor der Ärzteschaft der Fernsehwelt gelangte.
Aber da war doch noch was. Da gab es noch andere Möglich-
keiten der Freizeitgestaltung. Beruhigt lehne ich mich zu-
rück und merke kaum, wie mir die Augen zu fielen.
Es ist höchste Zeit. Gleich beginnt die Lesung, und unser-
eins sitzt noch im Taxi und sucht die Eintrittskarten.
Ich bin absolut kein Kafka-Freund, aber es ist mal was an-
deres.
Endlich - wir betreten den Saal und erwischen schnell noch
einen Platz in der letzten Reihe. Es wird dunkel. Nur vorn
auf der Bühne strahlt ein greller Scheinwerfer auf das et-
was zu kleine Lesepult. Applaus. Von der Seite tritt ein
Mann herein, den ich nicht kenne, der aber als Autor vor-
gestellt wird, und der sein neuestes Werk auszugweise vor-
lesen soll. Er setzt sich, räuspert sich noch einmal und
blättert bedächtig in seinem Buch. Bei einem Lesezeichen
hält er inne, überfliegt die Seite, wirft noch einen Blick
in den Saal, als wolle er sagen - Achtung, es geht gleich
los - und atmet tief ein, um zu lesen, als plötzlich ein
lautes Krachen den Saal erfüllt. Das war kein Schuss,
dachte ich gleich. Derartige Geräusche kennt man ja aus
den Aktionfilmen im Fernsehen. Der Stuhl eines Gastes kann
auch nicht zusammengebrochen sein. Dafür war das Geräusch
zu laut...
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